Ältere Opfer sexueller Gewalt – eine bislang vernachlässigte Opfergruppe?

Projektzeitraum

2004 – 2005

Projektmitarbeiter

Dr. Thomas Görgen (Projektleitung)

Dr. Sandra Herbst

Dipl.-Soz.wiss. Barbara Nägele

Ref. iur. Antje Newig

Finanzierung

Niedersächsisches Landesamt für Zentrale Soziale Aufgaben (NLZSA)

Projektbeschreibung

Dass auch Seniorinnen und Senioren Opfer sexueller Gewalt werden, gehört zu den bislang in starkem Maße tabuisierten gesellschaftlichen Problemfeldern. Am KFN wurde zunächst der internationale Forschungsstand zu sexuellen Gewalttaten gegen ältere Menschen aufgearbeitet (Görgen & Nägele, 2003). Im Rahmen einer explorativ ausgerichteten multimethodalen Studie wurden das Deliktsfeld der sexuellen Viktimisierung sowie die institutionellen Reaktionen auf einschlägige Fälle und die für ältere Opfer sexueller Gewalt verfügbaren Hilfen untersucht.

Die Studie griff auf folgende Datenquellen zurück:

  • Aggregatdaten der Polizeilichen Kriminalstatistik zu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an Personen ab 60 Jahren;
  • Einzelfalldaten der Landeskriminalämter Niedersachsen und Baden-Württemberg zu Opfer-Tatverdächtigen-Beziehungen bei gewaltförmigen Sexualstraftaten;
  • 122 bei niedersächsischen Staatsanwaltschaften geführte Verfahrensakten zu Fällen der sexuellen Viktimisierung von Personen ab 60 Jahren mit polizeilichem Ermittlungsbeginn in den Jahren 2000 bis 2003;
  • schriftliche Befragungen von 76 Institutionen außerhalb von Polizei und Justiz, bei denen aufgrund ihrer Aufgaben und Zuständigkeiten von der Möglichkeit eines professionellen Kontakts zu älteren Opfern sexueller Gewalt auszugehen war;
  • 21 vertiefende Interviews mit PraktikerInnen und ExpertInnen, die über Erfahrungen mit der Thematik bzw. mit konkreten Fällen der sexuellen Viktimisierung älterer und hochaltriger Menschen verfügten;
  • Medienberichte über 157 Fälle von Sexualstraftaten an älteren Menschen aus dem Zeitraum April 2000 – Juli 2004.

Die Analyse dieser Datensätze zeigte, dass sowohl bei Polizei und Justiz als auch bei Institutionen außerhalb des Bereiches der Strafverfolgung bislang nur in sehr begrenztem Umfang Erfahrungen mit älteren Opfern von Sexualstraftaten vorliegen. Menschen jenseits des 60. Lebensjahres wurden nur selten polizeilich als Opfer einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung registriert. Ältere Frauen stellten unter den Klientinnen von Frauenhäusern, Frauennotrufen und ähnlichen Einrichtungen eine Minderheit dar und berichteten nur in seltenen Fällen von sexuellen Gewalterfahrungen.

Die Studie zeigte die Struktur der Delikte auf, die ins – nicht nur strafjustiziell verstandene – Hellfeld gelangen. Es wurde deutlich, dass das derzeit von Polizei und Justiz bearbeitete Fallspektrum sich fundamental von demjenigen unterscheidet, mit dem schützende und helfende Institutionen außerhalb des Bereiches der Strafverfolgung befasst sind. Soweit Sexualdelikte an Älteren polizeilich bekannt werden, handelt es sich überwiegend um Fälle des Exhibitionismus, zu einem geringeren Teil um sexuelle Gewaltdelikte im engeren Sinne, bei denen meist Personen als Täter bzw. Tatverdächtige in Erscheinung treten, die dem Opfer vor der Tat nicht oder nur marginal bekannt waren. Frauenhäuser, Frauennotrufe und ähnliche Einrichtungen sind – bei ebenfalls geringer Fallzahl – in erster Linie mit schwerwiegenden Formen sexueller Gewalt in engen sozialen Beziehungen konfrontiert. Dabei geht es zu einem beträchtlichen Teil um fortgesetzte Viktimisierungen in Ehen und Partnerschaften älterer Menschen, bei denen sexuelle Gewalt und sexueller Zwang Facetten in einem umfassenden Muster der Gewaltanwendung, Demütigung und Kontrolle sind.

Die Untersuchung gibt Hinweise zur Beantwortung der Frage, inwiefern die geringe Zahl bekannt gewordener Delikte an älteren Menschen auch als Ergebnis einer geringen Dunkelfeldausschöpfung verstanden werden kann

Die wesentlichen handlungspraktischen Konsequenzen, die aus der Studie gezogen werden können, liegen in folgenden Bereichen:

  • allgemeine Öffentlichkeitsarbeit, die darauf abzielt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass von sexueller Gewalt auch ältere Menschen betroffen sein können;
  • zielgruppenspezifische Aufklärung, Sensibilisierung und Schulung bei ausgewählten Berufsgruppen; hierzu gehören vor allem Ärztinnen / Ärzte, Pflegekräfte, Geistliche / Seelsorger, Beraterinnen und Berater in bestimmten psychosozialen Einrichtungen sowie Polizistinnen und Polizisten (insbesondere solche, die regelmäßig oder im Schwerpunkt mit Fällen “häuslicher Gewalt” befasst sind);
  • niedrigschwellige Beratungs- und Hilfeangebote für ältere Opfer (nicht nur) sexueller Gewalt. Niedrigschwelligkeit impliziert ein hohes Maß an thematischer Offenheit. Ein erkennbar breiter und offener Zugang befreit Rat- und Hilfesuchende von der Last, ihr Problem vorab exakt klassifizieren, definieren und benennen zu müssen. Thematisch hoch spezialisierte Einrichtungen sind aus diesem Grund und im Hinblick auf die in der älteren Generation zu erwartenden besonders starken Stigmatisierungsbefürchtungen durch Inanspruchnahme etwa eines “Notrufs für vergewaltigte Seniorinnen” eher ungeeignet.
Projektbezogene Publikationen