Labile Übergänge – Die Integration hafterfahrener junger Männer in Ausbildung und Arbeit

Projektzeitraum

2005 – 2007

Projektmitarbeiter

Prof. Dr. Mechthild Bereswill (Projektleitung)

Dr. Almut Koesling

Dr. Anke Neuber

Finanzierung

Deutsche Stiftung Jugendmarke e.V.

Kooperationsparter

Projekt “Entwicklungsfolgen der Jugendstrafe”

Dr. Linda Andersen, Roskilde University Centre

Dr. Shadd Maruna, Queen’s University Belfast

Prof. Henning Salling Olesen, Roskilde University Centre

Dr. Peter Rieker, Deutsches Jugendinstitut Halle

Projektbeschreibung

“Hier hab ich auf Arbeit Sachen gelernt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich das überhaupt könnte und dass mir das mal Spaß machen würde”

“das Positive ist das mit dem Arbeiten, dass de das Arbeiten hier richtig durchziehst, dass du das Arbeiten ooch ernst nimmst. Na, das Negative ist das mit der Freiheit ja.”

“Na, ich hab’s draußen nich geschafft, ich wollt’s aber dann hier drinne. Also meine Haftzeit nutzen in der Hinsicht, um de neunte Klasse halt noch mal zu machen, weil ich hatt’nen Abgangszeugnis achte Klasse und wollte halt neunte sowieso irgendwann nochma machen, und wenn’s Abendschule gewesen wär, irgendwann hätt’ ich sie sowieso gemacht. Darum. Drinne, wenn de’s Angebot kriegst, dann macht mer das doch dann.”

Die verschiedenen Aussagen über Lernen und Arbeit im Jugendstrafvollzug stammen aus Interviews mit männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden in Haft. Sie machen deutlich, dass die Ausbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen während einer Jugendstrafe nicht nur als Zwang, sondern auch als Chance wahrgenommen werden. Ganz typisch ist dabei der von den Erzählern betonte Kontrast zwischen drinnen und draußen: Was sie sich drinnen zutrauen, was sie im Gefängnis durchhalten, meinen sie draußen nicht geschafft, nicht durchgezogen und vor allem ganz anders bewertet zu haben. Die mit der positiven Lernerfahrung verbundene Spannung bringt besonders der zweite Sprecher auf den Punkt: das Arbeiten durchzuhalten findet er positiv, den Freiheitsverlust negativ. Diese Spannung zwischen einer Hoffnung auf mehr Integration durch Lernen und Arbeiten einerseits und den sehr belastenden Seiten einer Haft prägt die Deutungen des Jugendstrafvollzugs durch seine Insassen durchgehend. Die Struktur des Gefängnisses wird nicht nur als einschränkend, sondern auch als unterstützend empfunden.

An diese widersprüchliche Situation und die damit verbundenen brüchigen Integrationsprozesse jugendlicher und heranwachsender Männer mit Hafterfahrungen knüpft das Projekt “Labile Übergänge” an. Es bezieht sich auf Ergebnisse der 2004 abgeschlossenen und seit 1997 von der VolkswagenStiftung finanzierten KFN-Studie “Gefängnis und die Folgen”. Im qualitativen Teil dieser Längsschnittuntersuchung wurden 43 männliche Inhaftierte im ost- und westdeutschen Jugendstrafvollzug zu ihren Hafterfahrungen und Lebensgeschichten interviewt. In 30 Fällen liegen Interviews nach der Haftentlassung vor, mit 20 Teilnehmern konnte mehrmals gesprochen werden. Das KFN ist somit im Besitz einer einzigartigen Datenbasis, denn die qualitativen Längsschnittinterviews erlauben, die biographischen Entwicklungsprozesse jugendlicher Haftinsassen über fünf Jahre zu rekonstruieren.

Inhaftierungen und Rückfälle sind für sich genommen noch kein Zeichen langfristigen Scheiterns – das belegen die biographischen Fallanalysen der abgeschlossenen Studie. Entscheidend ist die biographische Verarbeitung solcher Erfahrungen, nicht zuletzt im Kontext institutioneller und informeller Unterstützungsbeziehungen. Dies gilt ganz besonders für den Moment der Haftentlassung und für die damit verbundenen Integrationswünsche und tatsächlichen Integrationsbarrieren im Ausbildungssektor und auf dem Arbeitsmarkt.

Die Untersuchung setzt bei diesem prekären und für eine langfristige Integration besonders bedeutsamen Übergang an: Welche institutionellen und biographischen Konstellationen befördern langfristig eine Integration hafterfahrener junger Männer in Arbeit? Damit verbunden ist auch die Frage nach der Entwicklung von Arbeitsfähigkeit, die im Jugendstrafvollzug gezielt zu fördern und nach einer Entlassung weiter zu unterstützen ist. Diese Frage weist über die konkrete Erwerbstätigkeit hinaus auf die Autonomiefähigkeit Heranwachsender. Fokussiert werden die Integrationspotenziale einer Gruppe von jungen Männern, über deren wiederholtes Scheitern, auch in Maßnahmen und Institutionen der Jugendhilfe, umfangreiche Forschungsergebnisse vorliegen. Wesentlich weniger wissen wir über ihre biographischen Lern- und Entwicklungserfolge und die damit verbundenen Ansatzpunkte von Jugend- und Straffälligenhilfe. Damit ist ein notwendiger Perspektivewechsel verbunden: von pauschalen Annahmen über jugendliche Modernisierungsverlierer zu differenzierten Analysen der tatsächlichen Lebensentwürfe sozial stark benachteiligter junger Männer.

In dem Projekt ist eine weitere Interviewreihe mit themenzentrierten Längsschnittinterviews zu den Lern- und Arbeitserfahrungen sowie der aktuellen Beschäftigungssituation der jungen Männer geplant. Ferner werden fallvergleichende biographische Fallrekonstruktionen erstellt.

Ziel der Studie ist es, die Wechselwirkung zwischen institutionellen Interventionen und individuellen Handlungsorientierungen besser zu verstehen und dadurch Erkenntnisse für Forschung und Praxis der Jugendhilfe und ihrer angrenzenden Praxisfelder zu erhalten. Es soll ein anwendungsbezogener wissenschaftlicher Beitrag zu weiteren Reformen des Jugendstrafvollzugs und zu einer verbesserten Jugendhilfelandschaft geleistet werden.

Projektbezogene Publikationen