Rechtszynismus in Deutschland

Verbreitung, Zusammenhänge mit persönlichen und milieuspezifischen Werten und Auswirkungen auf delinquentes Verhalten

Rechtszynismus beschreibt die Ablehnung von Rechtsnormen sowie Zweifel an der Integrität und Legitimität von Rechtsinstitutionen (Sampson & Bartusch, 1998; Seddig, 2026). Das Projekt untersucht, wie verbreitet solche Einstellungen in Deutschland sind und wie sie mit Wertorientierungen und delinquentem Verhalten zusammenhängen.

Die Grundidee ist, dass Rechtszynismus ein multidimensionales Konzept ist, bei dem sich Menschen von Normen und Regeln entfremden (Anomie) und zugleich Vertrauen sowie die wahrgenommene Legitimität von Institutionen abnehmen (Gifford & Reisig, 2019; Seddig, 2024). In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie sich die Ablehnung des Rechts und die Wahrnehmung von Rechtsinstitutionen, etwa als korrupt oder legitim, zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Regionen unterscheiden. Dabei soll zudem der Frage nachgegangen werden, ob Rechtszynismus mit persönlichen und milieuspezifischen Werten zusammenhängt und ob Rechtszynismus dazu beitragen kann, delinquentes Verhalten zu erklären (z.B. Betrug, Körperverletzungsdelikte und niedrigschwellige Alltagsdelikte).

Darüber hinaus wird untersucht, wie sich das Konzept des Rechtszynismus in aktuelle kriminologische Theorien einordnen lässt, insbesondere im Hinblick auf seine Nähe zu Moralitätskonzepten (z.B. im Rahmen der Situational Action Theory). Dabei wird unter anderem der Frage nachgegangen, ob Rechtszynismus moralische Vorstellungen beeinflusst oder mit ihnen in Wechselwirkung steht.

Die empirische Grundlage des Projekts bildet eine Online-Befragung auf Basis einer Zufallsstichprobe der Allgemeinbevölkerung in Deutschland. Die Daten werden mit etablierten statistischen Verfahren (z.B. latente Klassenanalysen, Strukturgleichungsmodelle, Matching-Verfahren) sowie ergänzend mit Verfahren des maschinellen Lernens ausgewertet.

Im Rahmen des Projekts sind Kooperationen mit Wissenschaftler*innen im In- und Ausland vorgesehen. Diese umfassen sowohl die fachliche Begleitung des Projekts als auch einen gemeinsamen Workshop am KFN in Hannover. Ziel ist es, gemeinsame Publikationen zu entwickeln und Perspektiven für weiterführende Forschungsprojekte zu eröffnen.

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und hat eine Laufzeit von drei Jahren.

Gifford, F. E., & Reisig, M. D. (2019). A multidimensional model of legal cynicism. Law and  Human Behavior, 43(4), 383–396. https://doi.org/10.1037/lhb0000330

Sampson, R. J., & Bartusch, D. J. (1998). Legal cynicism and (subcultural?) tolerance of deviance: The neighborhood context of racial differences. Law & Society Review, 32(4), 777–804. https://doi.org/10.2307/827739

Seddig, D. (2024). Assessment of the dimensionality and comparability in legal cynicism measurement. Justice Quarterly, 41(7), 976–1001. https://doi.org/10.1080/07418825.2024.2393197

Seddig, D. (2026). Rechtszynismus: Konzeptionelle Grundlagen und empirische Befundlage. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. https://doi.org/10.1515/mks-2025-0041

Projektzeitraum:

Finanzierung:

Druck

Kooperationspartner

Prof. Dr. Eldad Davidov (Universität zu Köln)

Prof. Dr. Michael Reisig (Arizona State University)

Projektleitung:

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PD Dr.

Daniel Seddig

Diplom-Soziologe

0511/34836-76

Daniel.Seddig@kfn.de