Kriminelle Viktimisierungserfahrungen betreffen jährlich Tausende Menschen allein in Deutschland und haben weitreichende Folgen für betroffene Individuen (z. B. psychisch, physisch) und die Gesellschaft (z. B. ökonomisch, in Bezug auf den Zusammenhalt). Trotz hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz und gesetzlich verankerter Notwendigkeit des Opferschutzes ist die wissenschaftliche Erkenntnislage zur Bewältigung solcher Erfahrungen – und damit auch die empirische Basis für die Ausgestaltung unterstützender Maßnahmen – bislang jedoch lückenhaft. Insbesondere fehlen längsschnittliche Studien, die differenzielle Entwicklungsverläufe nach kriminellen Viktimisierungserfahrungen sowie deren Einflussfaktoren systematisch untersuchen. Das geplante Forschungsprojekt setzt hier an. Es widmet sich den Fragen, welche verschiedenen Verlaufsmuster (z. B. in Bezug auf die psychische Gesundheit, Institutionsvertrauen und gerechtigkeitsbezogener Zufriedenheit) bei Betroffenen identifiziert und wie diese erklärt werden können. Als möglicher Einflussfaktor steht dabei neben reaktiv-entlastenden Selbstregulationsprozessen der Kontakt mit strafverfolgenden Institutionen besonders im Fokus.
Empirische Basis für das Projekt bildet die Realisierung eines niedersachsenweiten „Opfer-Panels“, in welchem etwa 2500 Betroffene von Straftaten verschiedener Delikte über einen Zeitraum von 15 Monaten viermal online befragt werden sollen. Hierfür ist eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei und Institutionen der Opferhilfe geplant. Die Auswertung der Daten kombiniert explorative Mustererkennung mit theoriegeleiteter Prüfung prototypischer Verläufe und Einflussfaktoren. Zusammengenommen leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung theoretischer Modelle der Bewältigung krimineller Viktimisierungserfahrungen und informiert evidenzbasierte Maßnahmen des Opferschutzes.
